Studentenarbeiten
Die Cleavage-Theorie nach Lipset und Rokkan
<h2>2. Die Cleavage-Theorie nach Lipset und Rokkan</h2>
Bei der Suche nach Erklärungen für die Zusammensetzung von Parteiensystemen ist die Cleavage-Theorie nach Seymour M. Lipset und Stein Rokkan ein bis heute viel bemühter Erklärungsansatz.
In ihrem Sammelband Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments von 1967 veröffentlichten sie ihre Theorie vom Einfluss der sogenannten Cleavages auf die Parteiensysteme Westeuropas. Unter einem solchen Cleavage verstehen die beiden Autoren einen dauerhaften sozialen Konflikt, in dem sich (mindestens) zwei durch soziale Merkmale definierte Großgruppen mit unterschiedlichem Interesse gegenüberstehen (Arzheimer/Falter 2003: 298).
Lipset/Rokkan unterscheiden vier in der Gesellschaft verankerte Konfliktlinien, welche die Parteienlandschaft der Parteiensysteme Westeuropas prägten: <dir><b>1. Der Konflikt zwischen Zentrum eines Landes und der unterworfenen Peripherie</b> - ausschlaggebend zur Entstehung waren Reformation und Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert (stellt sich in Form von Konflikten zwischen nationaler und supranationaler Religion oder zwischen Landessprache und Latein dar)</dir><dir><b>2. Der Konflikt zwischen Stadt und ländlichen Gebieten (primärer versus sekundärer Sektor der Wirtschaft)</b> - ausschlaggebend war die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert (Kontrolle vs. Industrielle Unabhängigkeit)</dir><dir><b>3. Der Konflikt zwischen dem säkularisierten Staat und der (zumeist katholischen) Kirche</b> - ausschlaggebend waren nationalen Revolution ab 1789</dir><dir><b>4. Der klassische Konflikt zwischen Arbeit und Kapital</b> - ausschalggebend war die Russische Revolution ab 1917</dir>
Dieser immense Einfluss der Cleavagestrukturen lässt sich letztlich auf Modernisierungsprozesse der westeuropäischen Gesellschaften der Neuzeit zurückführen. So sind beispielsweise für den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital gegensätzliche Ideologien hinsichtlich Politik und Ökonomie zwischen den sozialen Klassen verantwortlich. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Staat-Kirche-Gegensatz, der auf Widersprüchen im Wertesystem beruht (vgl. Dalton 2002: 190).
<a href="http://www2.uni-jena.de/svw/powi/seminare/ss2004/Folie3-Sitzung%201.doc"target="_blank">links</a>
<dir>Two of these cleavages are direct products of what we might call the National Revolution: the conflict between the central nation-building culture and the increasing distance of the ethnically, linguistically, or religiously distinct subject populations in the provinces and the peripheries [...]: the conflict between the centralizing, standardizing, and mobilizing Nation-State and the historically established corporate privileges of the Church. Two of them are products of the Industrial Revolution: the conflict between the landed interests and the rising class of industrial entrepreneurs: the conflict between owners and employers on the one side and tenants, laborers, and workers on the other (Lipset/Rokkan 1967: 14).</dir>
Diese Konflikte seien in den 1960er Jahren die gleichen, die auch schon während der 1930er Jahre (als Party Systems and Voter Alignments veröffentlicht wurde) in den Parteiensystemen Westeuropas repräsentiert wurden. The party systems of the 1960s reflect, with but few significant exceptions, the cleavage structures of the 1920s (Lipset/Rokkan 1967: 50). In diesem Zusammenhang spricht man daher auch von der These der eingefrorenen Parteiensysteme, was beinhaltet, dass in fast allen europäischen Parteiensystemen die konkurrierenden Parteialternativen und in vielen Fällen sogar die Parteiorganisationen selbst älter sind als die meisten Wähler (Bürklin/Klein 1998: 183).
Damit diese Konfliktlinien nun aber nicht nur auf die sozialstrukturell-gesellschaftliche Ebene beschränkt bleiben, sondern es zu einer Politisierung der Sozialstruktur kommt, ist nach Lipset/Rokkan die Überwindung von vier institutionellen Schwellen erforderlich: <dir><b>1. Schwelle der Legitimation:</b> Werden die von einer gesellschaftlichen Gruppe vorgetragenen Proteste von den bestehenden Parteien als unbegründet oder als gerechtfertigt angesehen?</dir> <dir><b>2. Schwelle der Einbindung in das politische System:</b> Ist Letzteres der Fall, stellt sich die Frage, ob die betroffene Gruppe den Schritt in die politische Willensbildung schafft.</dir> <dir><b>3. Schwelle der Repräsentation:</b> Gelingt dies und wird die Gruppe in das politische System eingebunden, gibt es folgende Möglichkeiten: Die Gruppe schließt sich einer bestehenden Bewegung an, oder sie ist imstande, genügend Wählerpotenzial zu vereinen, um selbst eine politische Alternative darzustellen.</dir> <dir><b>4. Schwelle der Mehrheitsmacht:</b> Ist auch das der Fall, so bleibt die Frage, ob die neue Alternative (allein oder mit Koalitionspartnern) ihre politische Ansichten und Interessen durchsetzen kann. (vgl. Bürklin/Klein 1998: 180)</dir>
Sind alle diese Schwellen überwunden, so werden die Gesellschaftsgruppen, die sich in diesen Konflikten gegenüberstehen, von Parteien auf Nationalstaatsebene repräsentiert (die Parteien erfüllen dabei ihre Funktionen entsprechend dem Agil-Schema: Adoptation, Goal-Attainment, Integration, Latency). Die Parteien stellen somit alliances in conflicts over policies and value commitments within the larger body politic dar (Lipset/Rokkan 1967: 5). Die tatsächliche Bedeutung sozial-struktureller Konflikte auf das Wählerverhalten und damit auf die Zusammensetzung der Parlamente ist bis heute mehrfach empirisch bestätigt worden: Researchers found that social cleavages exerted a potent effect on voting, especially class and religious differences (Dalton 2002: 191). Aus diesem Grund wird nachfolgend die parteiliche Zusammensetzung auf Parlamentsebene in den vier Beispielstaaten Ungarn, Russland, Deutschland und Frankreich, sowie die programmatisch-ideologische Ausrichtung der vertretenen Parteien untersucht um sie anschließend mit der Schablone der Cleavage-Theorie abzugleichen.
Die Konfliktlinien nach Lipset und Rokkan (1967: 47) 